Eine endliche Menge natürlicher Zahlen liegt vor uns. Wir streichen alle Zahlen, die durch bestimmte kleine Primzahlen teilbar sind. Wie viele bleiben übrig? Diese einfache Frage führt zur Siebtheorie.
Die Darstellung orientiert sich an Greaves und Ford. Elementare Teilbarkeit wird vorausgesetzt; die wichtigsten Begriffe bauen wir im Folgenden auf.
01 / Ein erstes Experiment
Was durch das Sieb fällt
Für eine reelle Zahl fassen wir alle Primzahlen unterhalb der Siebgrenze zu einem Produkt zusammen:
Definition · Primzahlprodukt
Eine Zahl überlebt genau dann, wenn sie zu teilerfremd ist. Im Beispiel werden daher alle Vielfachen von 2, 3, 5 und 7 entfernt. Verändere die Grenze oder betrachte die einzelnen Schritte:
P(10) = 2 · 3 · 5 · 7 = 210
- 1: bleibt; die Einheit ist keine Primzahl
- 2: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 3: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 4: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 5: entfernt, erstmals als Vielfaches von 5
- 6: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 7: entfernt, erstmals als Vielfaches von 7
- 8: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 9: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 10: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 11: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 12: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 13: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 14: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 15: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 16: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 17: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 18: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 19: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 20: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 21: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 22: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 23: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 24: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 25: entfernt, erstmals als Vielfaches von 5
- 26: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 27: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 28: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 29: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 30: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 31: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 32: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 33: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 34: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 35: entfernt, erstmals als Vielfaches von 5
- 36: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 37: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 38: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 39: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 40: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 41: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 42: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 43: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 44: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 45: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 46: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 47: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 48: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 49: entfernt, erstmals als Vielfaches von 7
- 50: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 51: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 52: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 53: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 54: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 55: entfernt, erstmals als Vielfaches von 5
- 56: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 57: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 58: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 59: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 60: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 61: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 62: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 63: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 64: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 65: entfernt, erstmals als Vielfaches von 5
- 66: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 67: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 68: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 69: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 70: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 71: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 72: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 73: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 74: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 75: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 76: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 77: entfernt, erstmals als Vielfaches von 7
- 78: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 79: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 80: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 81: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 82: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 83: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 84: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 85: entfernt, erstmals als Vielfaches von 5
- 86: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 87: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 88: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 89: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 90: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 91: entfernt, erstmals als Vielfaches von 7
- 92: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 93: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 94: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 95: entfernt, erstmals als Vielfaches von 5
- 96: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 97: bleibt; kein Primteiler unter der Siebgrenze
- 98: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
- 99: entfernt, erstmals als Vielfaches von 3
- 100: entfernt, erstmals als Vielfaches von 2
Von 100 Zahlen bleiben nach dem Sieben mit 2, 3, 5 und 7 genau 22 übrig.
Was jede Primzahl neu entfernt
- p = 2−50 neu entfernt50 übrig
- p = 3−17 neu entfernt33 übrig
- p = 5−7 neu entfernt26 übrig
- p = 7−4 neu entfernt22 übrig
Eine Zahl wird nur beim ersten passenden Primteiler entfernt. So zählt jedes Vielfache genau einmal.
Die übrig gebliebenen Zahlen sind nicht automatisch Primzahlen: Die 1 überlebt immer; bei größeren Grundmengen können auch zusammengesetzte Zahlen ohne kleine Primteiler übrig bleiben. Außerdem werden die kleinen Primzahlen selbst ausgesiebt.
02 / Das algebraische Werkzeug
Die Möbiusfunktion
Um das Streichen in eine Formel zu übersetzen, brauchen wir eine Funktion, die zwischen gerader und ungerader Anzahl verschiedener Primfaktoren unterscheidet.
Definition · Möbiusfunktion
In der zweiten Zeile sind die paarweise verschiedene Primzahlen. Eine Zahl heißt quadratfrei, wenn kein Primzahlquadrat sie teilt.
Für teilerfremde ist die Funktion multiplikativ:
Ein Indikator für Teilerfremdheit
Der entscheidende Zusammenhang lautet:
Identität · Übrig bleiben oder verschwinden
Warum die Summe nur 0 oder 1 ergibt
Setze . Für enthält die Summe nur . Für ergibt die Multiplikativität
Jeder Primteiler liefert also einen Faktor null. Genau das macht die Summe zu einem Indikator für das Überleben im Sieb.
03 / Exaktes Zählen
Legendres Identität
Sei eine endliche Menge. Für einen positiven ganzzahligen Teiler sammeln wir die durch ihn teilbaren Elemente:
Definition · Teilbarkeitsmenge und Siebfunktion
Für quadratfreies gilt ; außerdem ist . Die Zahl der überlebenden Elemente ist
Wir summieren den Möbiusindikator über die Grundmenge und vertauschen die beiden endlichen Summen:
Satz · Legendres Identität
Das ist das Inklusions-Exklusions-Prinzip in arithmetischer Form: Einfach entfernte Mengen werden abgezogen, doppelte Überschneidungen wieder hinzugefügt und so weiter.
Beispiel: Nur durch 2 und 3 sieben
Für und ist . Es folgt exakt:
Die Vielfachen von 6 wurden zweimal entfernt und müssen einmal zurückkehren. Ohne diese Korrektur wäre der Hauptterm nur . Die Schreibweise bezeichnet hier einen Fehler, der unabhängig von beschränkt bleibt.
Beispiel: Die ersten 10 000 Zahlen
Wählen wir und , dann gilt
Die 16 Teiler von 210 liefern die vollständige Legendre-Summe. Allein zeigt: Beim ersten Schritt verschwindet genau die Hälfte der Grundmenge.
04 / Vom Zählen zum Abschätzen
Hauptterm, Dichte und Rest
In anspruchsvolleren Beispielen kennen wir die Teilbarkeitsmengen nicht exakt. Stattdessen zerlegen wir ihre Größen in einen erwarteten Anteil und einen Restterm:
Das kleine Siebproblem
Dabei ist ein Haupttermparameter, die lokale Dichte und der Rest.
Die genaue Gesamtmasse bezeichnen wir mit . Häufig ist , aber nicht immer: Bei Primzahleingaben ist etwa ein natürlicher Näherungswert.
Wir nehmen und für die betrachteten Primzahlen an und setzen auf quadratfreien Zahlen multiplikativ fort:
Das Produkt beschreibt den Anteil, der bei unabhängigen lokalen Teilbarkeitsbedingungen übrig bliebe.
Zurück zu den ersten 10 000 Zahlen
Hier sind , und . Wegen der Abrundung ist . Also:
Die Produktdichte liefert einen Hauptterm; die ganzzahlige Zählung liefert den exakten Wert.
Wie weit sind die Reste kontrollierbar?
Ein Parameter beschreibt, bis zu welchen Teilern wir die Restterme hinreichend gut beherrschen. Diese Reichweite heißt Level des Siebs. Später wählen wir Gewichte, die nur Teiler verwenden.
Im Intervallbeispiel könnte man etwa betrachten. Die exakte Legendre-Summe darf man deshalb jedoch nicht einfach bei 100 abschneiden: Auch der Teiler 210 gehört zu ihr.
05 / Eine arithmetische Anwendung
Polynome an Primzahlstellen
Sei ein Polynom. Wir betrachten die Familie der Werte für Primzahlen . Jeder Primzahleingang wird einzeln gezählt; gleiche Funktionswerte behalten ihre Vielfachheit. Die Schreibweise zählt nun die Eingaben mit .
Wir zerlegen diese Eingaben nach Restklassen:
wobei die Primzahlen bis in der Restklasse modulo zählt. Für teilerfremde Restklassen schreiben wir
Hier ist die Eulersche Phi-Funktion und das logarithmische Integral. Die Anzahl der zulässigen Nullstellen ist
Damit erhalten wir erneut die Form eines kleinen Siebproblems:
Lokale Dichte für Polynomwerte
Der chinesische Restsatz zeigt die Multiplikativität von und damit von .
Für die Anwendung unter der Annahme benötigen wir außerdem für jede verwendete Siebprimzahl . Diese Bedingung gilt nicht für jedes Polynom; lokale Ausnahmen müssen gesondert behandelt werden.
Was im Restterm steckt
Für nicht teilerfremde Restklassen kann eine Primzahleingabe nur dann beitragen, wenn sie selbst ein Primteiler von ist. Daher gilt
Hier zählt die verschiedenen Primteiler von ; für gilt und .
Das Muster der Primzahlzwillinge
Mit fragen wir nach Primzahlen , für die auch prim ist. Für jede ungerade Primzahl ist die einzige Nullstelle teilerfremd zu . Deshalb gilt
Die Ausnahme liegt im Restterm. Durch das Sieben lassen sich Kandidaten ohne kleine Primteiler zählen und abschätzen. Die Existenz unendlich vieler Primzahlzwillinge folgt daraus nicht. Einen verwandten Blick auf lokale Primzahlbedingungen bietet die Bateman–Horn-Vermutung.
Verteilung im Mittel: Bombieri–Vinogradov
Für die Kontrolle der Fehler in arithmetischen Progressionen ist folgendes Resultat zentral. Für jedes gibt es ein , sodass für hinreichend großes gilt:
Satz · Bombieri–Vinogradov
Das Zeichen erlaubt einen konstanten Faktor, der von abhängt.
Kontrolliert wird die Summe der Fehler über viele Moduln, bis nahe an die Quadratwurzel von . Beim Übergang zu allgemeinen Polynomen muss zusätzlich die Anzahl ihrer zulässigen Nullstellen berücksichtigt werden. Eine ausführliche Fassung steht in Fords Vorlesungsnotizen, Theorem 3.4.
06 / Eine zweite Perspektive
Die Dichte der Überlebenden
Auf einer endlichen Grundmenge mit wählen wir jedes Element mit Wahrscheinlichkeit . Teilbarkeit durch eine Primzahl ist dann ein Ereignis. Die Siebfunktion wird zu
Bei einer Familie mit Vielfachheiten wählen wir entsprechend gleichverteilt aus ihren Eingaben. Wären die Teilbarkeitsereignisse unabhängig und hätten exakt die Wahrscheinlichkeiten , wäre die Überlebenswahrscheinlichkeit gerade . In der tatsächlichen Siebsituation messen die Restterme die Abweichungen vom lokalen Modell.
Satz · Legendres Sieb mit Restterm
Beweis durch Einsetzen in Legendres Identität
Im Hauptterm nutzen wir die Multiplikativität auf quadratfreien Zahlen. Für die Restsumme liefert die Dreiecksungleichung wegen genau die behauptete Schranke; die implizite Konstante kann hier als 1 gewählt werden.
Die Formel ist exakt bis auf einen ausdrücklich kontrollierten Fehler. Doch hat viele Teiler: Bei Siebprimzahlen sind es . Selbst kleine Einzelreste können sich zu einem großen Gesamtfehler summieren.
07 / Mit begrenzter Information arbeiten
Obere und untere Siebgewichte
Die exakte Möbiussumme verwendet alle Teiler von . Wenn wir nur bis zum Level genügend Information haben, ersetzen wir sie durch obere und untere Abschätzungen.
Definition · Gewichte vom Level D
Für jeden Teiler fordern wir
und die Gewichte verschwinden außerhalb der kontrollierten Reichweite:
Setzen wir und summieren über die Grundmenge, erhalten wir:
Nach Einsetzen von zerfällt jede Schranke in einen gewichteten Hauptterm und einen Fehler. Für die obere Schranke etwa gilt
Die Kunst liegt darin, Gewichte zu konstruieren, die einen guten Hauptterm liefern und den Fehler klein halten. Die Wahl auf den Teilern von ergibt die exakte Identität; das geforderte Level ist dafür jedoch erst bei automatisch ausreichend.
Der rote Faden
Lokale Teilbarkeit, globale Information.
Die Möbiusfunktion macht aus dem Streichen eine exakte Summe. Lokale Dichten liefern einen Hauptterm. Restterme und Siebgewichte entscheiden, wie präzise wir die Anzahl der Überlebenden tatsächlich abschätzen können.