Die invertierbaren 2×22\times2-Matrizen über einem endlichen Körper bilden eine Familie endlicher Gruppen mit erstaunlich reichhaltiger Darstellungstheorie. Schon ihre Wirkung auf q+1q+1 Punkten liefert eine wichtige irreduzible Darstellung.

Im Folgenden ist qq eine Primzahlpotenz und G=GL2(Fq)G=\mathrm{GL}_2(\mathbb F_q). Unsere Darstellungen sind über C\mathbb C. Die Matrixeinträge der Gruppe liegen dagegen in Fq\mathbb F_q.

01 / Geometrischer Ausgangspunkt

Eine Gerade mit q+1q+1 Punkten

Die projektive Gerade besteht aus den eindimensionalen Unterräumen von Fq2\mathbb F_q^2. Wir schreiben einen solchen Punkt in homogenen Koordinaten als [x:y][x:y]. Dabei ist (x,y)≠(0,0)(x,y)\ne(0,0) und

[x:y]=[λx:λy](λ∈Fq×).[x:y]=[\lambda x:\lambda y]\qquad(\lambda\in\mathbb F_q^\times).

Definition · Projektive Gerade

P1(Fq)={[t:1]∣t∈Fq}∪{[1:0]}.\mathbb P^1(\mathbb F_q)=\{[t:1]\mid t\in\mathbb F_q\}\cup\{[1:0]\}.

Die Punkte [t:1][t:1] identifizieren wir mit tt, den zusätzlichen Punkt [1:0][1:0] mit ∞\infty. Eine invertierbare Matrix wirkt durch

(abcd)⋅[x:y]=[ax+by:cx+dy].\begin{pmatrix}a&b\\c&d\end{pmatrix}\cdot[x:y]=[ax+by:cx+dy].

In der affinen Koordinate ist das die gebrochen-lineare Transformation t↦(at+b)/(ct+d)t\mapsto(at+b)/(ct+d). Verschwindet der Nenner, ist das Bild der Punkt im Unendlichen.

Matrizen werden zu PermutationenZum Ausprobieren
g =2001über 𝔽₅
Wirkung auf der projektiven Geraden über F52 Fixpunkte. Grüne durchgezogene Pfeile kennzeichnen Fixpunkte, gestrichelte Pfeile bewegte Punkte.PunktBild unter g0011223344∞∞

Fixpunkte · χπ(g)2

Steinberg · χSt(g)1

Zwei verschiedene Eigenwerte in 𝔽₅ ergeben zwei Eigenlinien: 0 und ∞ sind fix.

Der Charakter zählt Fixpunkte. Die Pfeile zeigen die tatsächliche Wirkung auf 𝔽q ∪ {∞}. Grüne, durchgezogene Pfeile bleiben am selben Punkt. Für die Steinberg-Darstellung wird vom Fixpunktwert genau 1 abgezogen. Hier werden die Primkörper mit 3, 5 oder 7 Elementen verwendet.

Satz · Transitivität

Die Gruppe GG wirkt transitiv auf der projektiven Geraden. Sie wirkt sogar transitiv auf den geordneten Paaren verschiedener Punkte.

Warum die Wirkung zweifach transitiv ist

Zwei verschiedene projektive Punkte entsprechen zwei verschiedenen Geraden durch den Ursprung. Wählt man auf ihnen jeweils einen nicht verschwindenden Vektor, bilden diese eine Basis von Fq2\mathbb F_q^2. Eine invertierbare lineare Abbildung kann jede solche Basis auf jede andere schicken. Damit lassen sich beliebige geordnete Paare verschiedener projektiver Punkte ineinander überführen.

Einordnung: SL₂, PGL₂ und PSL₂

Die Untergruppe SL2(Fq)\mathrm{SL}_2(\mathbb F_q) besteht aus den Matrizen mit Determinante eins. Skalare Matrizen wirken trivial auf der projektiven Geraden; der Kern der Wirkung ist genau das Zentrum Z(G)={aI∣a∈Fq×}Z(G)=\{aI\mid a\in\mathbb F_q^\times\}. Daher wirkt

PGL2(Fq)=GL2(Fq)/Z(G)\mathrm{PGL}_2(\mathbb F_q)=\mathrm{GL}_2(\mathbb F_q)/Z(G)

treu durch projektive lineare Transformationen. Gemeint ist hier nicht die volle Permutationsgruppe der endlichen Punktmenge. Entsprechend ist

PSL2(Fq)=SL2(Fq)/{aI∣a2=1}.\mathrm{PSL}_2(\mathbb F_q)=\mathrm{SL}_2(\mathbb F_q)/\{aI\mid a^2=1\}.

Für q>3q>3 ist diese Gruppe einfach. Die Bedingung betrifft die Körpergröße qq. Ein Beweis findet sich bei Keith Conrad.

02 / Struktur der Gruppe

Borelgruppe und zwei Tori

Der Stabilisator des Punktes ∞=[1:0]\infty=[1:0] ist die Gruppe der invertierbaren oberen Dreiecksmatrizen. Sie heißt Borelgruppe:

B={(ab0d)  |  a,d∈Fq×, b∈Fq}.B=\left\{\begin{pmatrix}a&b\\0&d\end{pmatrix}\;\middle|\;a,d\in\mathbb F_q^\times,\ b\in\mathbb F_q\right\}.

In ihr liegen die unipotente Untergruppe NN und die diagonale Untergruppe DD:

N={(1u01)  |  u∈Fq},D={(a00d)  |  a,d∈Fq×}.N=\left\{\begin{pmatrix}1&u\\0&1\end{pmatrix}\;\middle|\;u\in\mathbb F_q\right\},\qquad D=\left\{\begin{pmatrix}a&0\\0&d\end{pmatrix}\;\middle|\;a,d\in\mathbb F_q^\times\right\}.

Es gilt N◃BN\triangleleft B und B=N⋊DB=N\rtimes D. Der gespaltene Torus D≅Fq××Fq×D\cong\mathbb F_q^\times\times\mathbb F_q^\times erhält die beiden Koordinatenachsen.

Bahnsatz · Die Gruppenordnung

∣B∣=q(q−1)2,[G:B]=q+1,∣G∣=q(q−1)2(q+1).|B|=q(q-1)^2,\quad [G:B]=q+1,\quad |G|=q(q-1)^2(q+1).
Zwei Wege, die Gruppenordnung zu zählen

In BB gibt es für beide Diagonaleinträge jeweils q−1q-1 Möglichkeiten und für den oberen rechten Eintrag qq. Da BB der Stabilisator eines Punktes einer transitiven Wirkung auf q+1q+1 Punkten ist, folgt die Formel aus dem Bahn-Stabilisator-Satz.

Alternativ zählt man die Spalten: Für die erste Spalte gibt es q2−1q^2-1 nicht verschwindende Vektoren; die zweite darf nicht in deren eindimensionalem Spann liegen. Damit bleiben q2−qq^2-q Möglichkeiten. Also ist ∣G∣=(q2−1)(q2−q)|G|=(q^2-1)(q^2-q).

Der nicht gespaltene Torus

Die Körpererweiterung Fq2/Fq\mathbb F_{q^2}/\mathbb F_q ist zweidimensional. Multiplikation mit einem Element ζ∈Fq2×\zeta\in\mathbb F_{q^2}^\times ist eine invertierbare Fq\mathbb F_q-lineare Abbildung. Nach Basiswahl erhalten wir so eine Untergruppe

K≅Fq2×⊂G,∣K∣=q2−1.K\cong\mathbb F_{q^2}^\times\subset G,\qquad |K|=q^2-1.

Sie ist zyklisch. Für ungerades qq wird die Einbettung besonders anschaulich: Wähle ein Nichtquadrat ε∈Fq×\varepsilon\in\mathbb F_q^\times. Dann ist Fq2=Fq(ε)\mathbb F_{q^2}=\mathbb F_q(\sqrt\varepsilon), und bezüglich der Basis (1,ε)(1,\sqrt\varepsilon) gilt

ζ=x+yε⟼dζ=(xεyyx).\zeta=x+y\sqrt\varepsilon\quad\longmapsto\quad d_\zeta=\begin{pmatrix}x&\varepsilon y\\y&x\end{pmatrix}.

Hier ist (x,y)≠(0,0)(x,y)\ne(0,0). Die Determinante ist die Körpernorm:

det⁡(dζ)=NFq2/Fq(ζ)=ζq+1=x2−εy2.\det(d_\zeta)=\mathrm N_{\mathbb F_{q^2}/\mathbb F_q}(\zeta)=\zeta^{q+1}=x^2-\varepsilon y^2.

Für gerades qq bleibt die Konstruktion durch Multiplikationsabbildungen gültig; statt eines Nichtquadrats verwendet man eine Basis zu einem irreduziblen quadratischen Polynom.

03 / Eigenwerte ordnen die Matrizen

Vier Typen von Konjugationsklassen

Zwei Matrizen sind in GG konjugiert, wenn sie dieselbe lineare Abbildung in unterschiedlichen Basen beschreiben. Ihre Eigenwerte und ihre Jordanstruktur führen zu genau vier Typen.

Repräsentanten, Klassengrößen und Anzahl der Klassen
Typ / RepräsentantGröße einer KlasseAnzahl der Klassen
Skalarax=(x00x)a_x=\begin{pmatrix}x&0\\0&x\end{pmatrix}11q−1q-1
Jordanblockbx=(x10x)b_x=\begin{pmatrix}x&1\\0&x\end{pmatrix}q2−1q^2-1q−1q-1
Zwei Eigenwertecx,y=(x00y)c_{x,y}=\begin{pmatrix}x&0\\0&y\end{pmatrix}q(q+1)q(q+1)(q−1)(q−2)2\frac{(q-1)(q-2)}2
Irreduzibles Polynomdζ(ζ∉Fq)d_\zeta\quad(\zeta\notin\mathbb F_q)q(q−1)q(q-1)q(q−1)2\frac{q(q-1)}2

Dabei sind x,y∈Fq×x,y\in\mathbb F_q^\times, im dritten Typ mit x≠yx\ne y. Die Paare (x,y)(x,y) und (y,x)(y,x) beschreiben dieselbe Klasse. Beim vierten Typ ist ζ∈Fq2∖Fq\zeta\in\mathbb F_{q^2}\setminus\mathbb F_q; hier werden ζ\zeta und sein Frobeniuskonjugiertes ζq\zeta^q identifiziert.

Klassengrößen aus den Zentralisatoren

Für die Konjugationswirkung ist der Stabilisator von gg sein Zentralisator CG(g)C_G(g). Daher gilt

∣Cl⁡(g)∣=∣G∣∣CG(g)∣.|\operatorname{Cl}(g)|=\frac{|G|}{|C_G(g)|}.

Skalare Matrizen kommutieren mit ganz GG. Der Zentralisator eines nichttrivialen Jordanblocks besteht aus den invertierbaren Matrizen (ab0a)\left(\begin{smallmatrix}a&b\\0&a\end{smallmatrix}\right) und hat Ordnung q(q−1)q(q-1). Bei zwei verschiedenen Eigenwerten ist der Zentralisator der diagonale Torus mit Ordnung (q−1)2(q-1)^2. Beim irreduziblen Typ ist er der nicht gespaltene Torus mit Ordnung q2−1q^2-1. Division durch diese Ordnungen ergibt die Tabelle.

Die Anzahlen folgen aus der Wahl der Eigenwerte: ungeordnete Paare verschiedener Elemente von Fq×\mathbb F_q^\times im gespaltenen Fall und Frobeniuspaare aus den q2−qq^2-q Elementen außerhalb von Fq\mathbb F_q im nicht gespaltenen Fall.

Die Gesamtzahl der Klassen

(q−1)+(q−1)+(q−1)(q−2)2+q(q−1)2=q2−1.(q-1)+(q-1)+\frac{(q-1)(q-2)}2+\frac{q(q-1)}2=q^2-1.

Damit hat GL2(Fq)\mathrm{GL}_2(\mathbb F_q) genau q2−1q^2-1 irreduzible komplexe Darstellungen bis auf Isomorphie.

Auch die Zahl der Gruppenelemente stimmt: Multipliziert man in jeder Zeile Klassengröße und Klassenanzahl und addiert die vier Ergebnisse, erhält man q(q−1)2(q+1)q(q-1)^2(q+1).

04 / Aus Fixpunkten wird ein Charakter

Die Steinberg-Darstellung

Zur Wirkung auf der projektiven Geraden gehört die Permutationsdarstellung

Vπ=C[P1(Fq)],g⋅ep=egp.V_\pi=\mathbb C[\mathbb P^1(\mathbb F_q)],\qquad g\cdot e_p=e_{g p}.

Sie hat eine Basis mit q+1q+1 Elementen. Ihre Matrizen sind Permutationsmatrizen, daher zählt ihre Spur die fixierten Basiselemente. Ein projektiver Punkt ist genau dann fixiert, wenn seine Gerade eine Eigenlinie der Matrix ist.

Fixpunkte und Charakterwerte
Charakteraxa_xbxb_xcx,yc_{x,y}dζd_\zeta
χπ\chi_\piq+1q+1112200
χSt\chi_{\mathrm{St}}qq0011−1-1

Der Vektor ∑pep\sum_p e_p ist invariant. Sein eindimensionaler Spann trägt die triviale Darstellung. Als invariantes Komplement wählen wir den Unterraum mit Koeffizientensumme null:

St={∑papep  |  ∑pap=0},Vπ=1⊕St.\mathrm{St}=\left\{\sum_p a_p e_p\;\middle|\;\sum_p a_p=0\right\},\qquad V_\pi=\mathbf1\oplus\mathrm{St}.

Satz · Steinberg

Die Darstellung St\mathrm{St} ist irreduzibel und hat Dimension qq. Ihr Charakter ist χSt=χπ−1\chi_{\mathrm{St}}=\chi_\pi-1.

Irreduzibilität durch zweifache Transitivität

Das Charakterskalarprodukt der Permutationsdarstellung mit sich selbst zählt die Bahnen auf geordneten Punktpaaren. Es gibt genau zwei: die Diagonale und die Paare verschiedener Punkte. Also ist ⟨χπ,χπ⟩=2\langle\chi_\pi,\chi_\pi\rangle=2. Wegen Transitivität kommt der triviale Charakter genau einmal vor. Daraus folgt

⟨χSt,χSt⟩=2−2⋅1+1=1.\langle\chi_{\mathrm{St}},\chi_{\mathrm{St}}\rangle=2-2\cdot1+1=1.

Ein komplexer Charakter mit Normquadrat eins ist irreduzibel. Die Dimension ergibt sich aus dim⁡St=(q+1)−1=q\dim\mathrm{St}=(q+1)-1=q.

05 / Neue Darstellungen durch Twisten

Determinantencharaktere und Twists

Jeder multiplikative Charakter α:Fq×→C×\alpha:\mathbb F_q^\times\to\mathbb C^\times liefert eine eindimensionale Darstellung:

Uα(g)=α(det⁡g).U_\alpha(g)=\alpha(\det g).

Da Fq×\mathbb F_q^\times zyklisch von Ordnung q−1q-1 ist, gibt es genau q−1q-1 solche Charaktere. Für einen fest gewählten Generator rr lauten sie

αk(rm)=exp⁡ ⁣(2πi kmq−1),0≤k≤q−2.\alpha_k(r^m)=\exp\!\left(\frac{2\pi i\,km}{q-1}\right),\qquad 0\leq k\leq q-2.
Warum diese Darstellungen irreduzibel und verschieden sind

Ein eindimensionaler Vektorraum hat keinen echten, nichttrivialen Unterraum; jede eindimensionale Darstellung ist daher irreduzibel. Verschiedene Charaktere α\alpha bleiben nach Komposition mit der Determinante verschieden, weil det⁡:G→Fq×\det:G\to\mathbb F_q^\times surjektiv ist. Bei eindimensionalen Darstellungen bedeutet Isomorphie Gleichheit der Charaktere.

Die Steinberg-Darstellung verdrehen

Das Tensorprodukt mit UαU_\alpha heißt ein Twist. Wir setzen

Vα=Uα⊗St,χVα(g)=α(det⁡g) χSt(g).V_\alpha=U_\alpha\otimes\mathrm{St},\qquad \chi_{V_\alpha}(g)=\alpha(\det g)\,\chi_{\mathrm{St}}(g).

Jeder Twist ist wieder irreduzibel und hat Dimension qq. Insgesamt erhalten wir q−1q-1 verschiedene Steinberg-Twists, einschließlich V1=StV_1=\mathrm{St}.

Die ersten beiden Familien; Nζ=ζq+1\mathrm N\zeta=\zeta^{q+1}
Darstellungaxa_xbxb_xcx,yc_{x,y}dζd_\zeta
1\mathbf111111111
St\mathrm{St}qq0011−1-1
UαU_\alphaα(x)2\alpha(x)^2α(x)2\alpha(x)^2α(xy)\alpha(xy)α(Nζ)\alpha(\mathrm N\zeta)
VαV_\alphaqα(x)2q\alpha(x)^200α(xy)\alpha(xy)−α(Nζ)-\alpha(\mathrm N\zeta)
Irreduzibilität und Unterscheidbarkeit der Twists

Multipliziert man jede Darstellungsmatrix mit einem nicht verschwindenden Skalar, ändern sich ihre invarianten Unterräume nicht. Alternativ benutzt man ∣α(det⁡g)∣=1|\alpha(\det g)|=1 im Charakterskalarprodukt:

⟨χVα,χVα⟩=1∣G∣∑g∈G∣χSt(g)∣2=1.\langle\chi_{V_\alpha},\chi_{V_\alpha}\rangle=\frac1{|G|}\sum_{g\in G}|\chi_{\mathrm{St}}(g)|^2=1.

Verschiedene Twists lassen sich für q>2q>2 an diag⁡(t,1)\operatorname{diag}(t,1) mit t≠1t\ne1 unterscheiden: Dort ist der Charakterwert genau α(t)\alpha(t). Für q=2q=2 gibt es nur einen solchen Twist.

Unser Zwischenstand lautet somit 2(q−1)2(q-1) irreduzible Darstellungen. Die triviale Darstellung ist bereits unter den UαU_\alpha enthalten und wird nicht noch einmal gezählt.

06 / Von einer Untergruppe zur ganzen Gruppe

Induktion aus der Borelgruppe

Induktion macht aus einer Darstellung einer Untergruppe HH eine Darstellung von GG. Für ρ:H→GL(W)\rho:H\to\mathrm{GL}(W) ist ein konkretes Modell der Vektorraum

Ind⁡HGW={f:G→W∣f(gh)=ρ(h)−1f(g) fu¨r g∈G,h∈H}.\operatorname{Ind}_H^G W=\{f:G\to W\mid f(gh)=\rho(h)^{-1}f(g)\text{ für }g\in G,h\in H\}.

Die Gruppe wirkt durch (k⋅f)(g)=f(k−1g)(k\cdot f)(g)=f(k^{-1}g). Die Funktionen sind durch je einen Wert auf jeder Linksnebenklasse gHgH bestimmt. Deshalb gilt

dim⁡Ind⁡HGW=[G:H]dim⁡W.\dim\operatorname{Ind}_H^G W=[G:H]\dim W.

Ein Charakter der Borelgruppe

Zwei multiplikative Charaktere α,β\alpha,\beta von Fq×\mathbb F_q^\times definieren

θα,β ⁣(ab0d)=α(a)β(d).\theta_{\alpha,\beta}\!\begin{pmatrix}a&b\\0&d\end{pmatrix}=\alpha(a)\beta(d).

Der obere rechte Eintrag spielt dabei keine Rolle; auf NN ist dieser Charakter trivial. Die zugehörige induzierte Darstellung

Iα,β=Ind⁡BGθα,βI_{\alpha,\beta}=\operatorname{Ind}_B^G\theta_{\alpha,\beta}

hat Dimension q+1q+1. Diese Darstellungen bilden die Hauptserie.

Charakterwerte als gewichtete Fixpunktsumme

In der induzierten Darstellung trägt jede Nebenklasse einen eigenen Vektorraum. Zur Spur tragen nur diejenigen Nebenklassen bei, die von gg auf sich selbst abgebildet werden:

Charakterformel der Induktion

χInd⁡HGW(g)=∑sH∈G/HgsH=sHχW(s−1gs).\chi_{\operatorname{Ind}_H^G W}(g)=\sum_{\substack{sH\in G/H\\gsH=sH}}\chi_W(s^{-1}gs).

Für H=BH=B entsprechen die Nebenklassen den Punkten der projektiven Geraden. Nun zählen die Eigenlinien mit Gewichten aus α\alpha und β\beta.

Der Charakter von Iα,βI_{\alpha,\beta}
KlassentypCharakterwert
axa_x(q+1)α(x)β(x)(q+1)\alpha(x)\beta(x)
bxb_xα(x)β(x)\alpha(x)\beta(x)
cx,yc_{x,y}α(x)β(y)+α(y)β(x)\alpha(x)\beta(y)+\alpha(y)\beta(x)
dζd_\zeta00
Die vier Werte aus den Eigenlinien ablesen

Eine Skalarmatrix fixiert alle q+1q+1 Geraden und liefert auf jeder das Gewicht α(x)β(x)\alpha(x)\beta(x). Ein Jordanblock besitzt genau eine Eigenlinie und liefert daher nur einen solchen Beitrag.

Bei zwei verschiedenen Eigenwerten gibt es zwei Eigenlinien. Auf der ersten wirkt die Matrix mit xx und auf dem Quotienten mit yy; für die andere sind die Rollen vertauscht. So entsteht die Summe α(x)β(y)+α(y)β(x)\alpha(x)\beta(y)+\alpha(y)\beta(x). Beim irreduziblen quadratischen Polynom existiert keine Eigenlinie über Fq\mathbb F_q, also ist die Spur null.

Die allgemeine Formel über Konjugationsklassen

Sei C\mathcal C eine Konjugationsklasse in GG, und zerfalle C∩H\mathcal C\cap H in die HH-Konjugationsklassen D1,…,Dr\mathcal D_1,\ldots,\mathcal D_r. Dann gilt

χInd⁡HGW(C)=∣G∣∣H∣∑i=1r∣Di∣∣C∣χW(Di).\chi_{\operatorname{Ind}_H^G W}(\mathcal C)=\frac{|G|}{|H|}\sum_{i=1}^r\frac{|\mathcal D_i|}{|\mathcal C|}\chi_W(\mathcal D_i).

Dies folgt aus der äquivalenten Formel 1∣H∣∑s∈G, s−1gs∈HχW(s−1gs)\frac1{|H|}\sum_{s\in G,\,s^{-1}gs\in H}\chi_W(s^{-1}gs). Jedes Element von C∩H\mathcal C\cap H wird von genau ∣CG(g)∣=∣G∣/∣C∣|C_G(g)|=|G|/|\mathcal C| Konjugatoren getroffen. Der Schnitt mit HH ist im Allgemeinen eine ganze Menge von Elementen und darf nicht mit einem einzelnen Repräsentanten verwechselt werden.

Ergänzung · Wann ist die Hauptserie irreduzibel?

Für α≠β\alpha\ne\beta ist Iα,βI_{\alpha,\beta} irreduzibel. Das Vertauschen von α\alpha und β\beta ändert ihre Isomorphieklasse nicht. Für gleiche Charaktere zerfällt sie:

Iα,α≅Uα⊕Vα.I_{\alpha,\alpha}\cong U_\alpha\oplus V_\alpha.
Beweisskizze mit den zwei Bruhat-Zellen

Es gibt genau zwei Doppelnebenklassen B\G/BB\backslash G/B, vertreten durch die Einheitsmatrix und die Vertauschungsmatrix. Frobenius-Reziprozität und die Mackey-Zerlegung ergeben daraus

⟨χIα,β,χIγ,δ⟩=δα,γδβ,δ+δα,δδβ,γ.\langle\chi_{I_{\alpha,\beta}},\chi_{I_{\gamma,\delta}}\rangle=\delta_{\alpha,\gamma}\delta_{\beta,\delta}+\delta_{\alpha,\delta}\delta_{\beta,\gamma}.

Die Kronecker-Symbole zeigen: Für verschiedene Charaktere ist das Normquadrat eins, und genau das ungeordnete Paar bestimmt die Darstellung. Bei gleichen Charakteren ist θα,α=Uα∣B\theta_{\alpha,\alpha}=U_\alpha|_B. Induktion und Twisten liefern Iα,α≅Uα⊗(1⊕St)I_{\alpha,\alpha}\cong U_\alpha\otimes(\mathbf1\oplus\mathrm{St}). Die strukturellen Werkzeuge werden ausführlicher in Paul Garretts Darstellung behandelt.

07 / Ergänzender Überblick

Vier Familien ergeben das vollständige Bild

Die Originalnotizen führen bis zu den Charakterwerten der Borel-induzierten Darstellungen. Zur Einordnung ergänzen wir den Überblick über alle irreduziblen komplexen Darstellungen:

Die vier Darstellungsfamilien
FamilieDimensionAnzahl
Determinantencharaktere UαU_\alpha1q−1q-1
Steinberg-Twists VαV_\alphaqqq−1q-1
Hauptserie, α≠β\alpha\ne\betaq+1q+1(q−1)(q−2)2\frac{(q-1)(q-2)}2
Kuspidale Darstellungenq−1q-1q(q−1)2\frac{q(q-1)}2

Die kuspidale Familie wird durch Charaktere ϑ:Fq2×→C×\vartheta:\mathbb F_{q^2}^\times\to\mathbb C^\times mit ϑ≠ϑq\vartheta\ne\vartheta^q parametrisiert, wobei ϑq(ζ)=ϑ(ζq)\vartheta^q(\zeta)=\vartheta(\zeta^q) und die beiden Frobeniuskonjugierten dieselbe Darstellung liefern. Ihre Konstruktion geht über diese Notizen hinaus; eine Herleitung gibt Omkaar Kulkarni, Kapitel 8.

Die Dimensionen gehen auf

4 · 1² + 4 · 5² + 6 · 6² + 10 · 4² = 480

Determinantencharaktere4 Darstellungen · Dimension 1
4
Steinberg-Twists4 Darstellungen · Dimension 5
100
Hauptserie6 Darstellungen · Dimension 6
216
Kuspidale Darstellungen10 Darstellungen · Dimension 4
160

24 irreduzible Darstellungen · Gruppenordnung 480

Jede Darstellung zählt mit ihrem Dimensionsquadrat. Die Balkenanteile zeigen für jede Familie den Beitrag Anzahl × Dimension² zur Gruppenordnung. Die Übersicht schließt die kuspidale Familie ein, die hier ergänzend zu den Vortragsnotizen genannt wird.

Die Anzahlen summieren sich zu q2−1q^2-1, passend zur Zahl der Konjugationsklassen. Außerdem erfüllt die Liste die Dimensionsformel der regulären Darstellung:

∑ρ∈Irr⁡(G)(dim⁡ρ)2=∣G∣.\sum_{\rho\in\operatorname{Irr}(G)}(\dim\rho)^2=|G|.

Diese Zahlen sind eine Kontrolle der Klassifikation. Allein das Aufgehen der Summen konstruiert die kuspidalen Darstellungen noch nicht; dafür wird der zusätzliche Existenzsatz benötigt.

Der Zusammenhang

Eigenlinien bestimmen Fixpunkte. Fixpunkte bestimmen Charaktere.

Die Geometrie der projektiven Geraden liefert die Steinberg-Darstellung. Determinantencharaktere erzeugen ihre Twists, und die Induktion aus der Borelgruppe führt zur Hauptserie.

P1(Fq)≅G/B,C[G/B]≅1⊕St.\mathbb P^1(\mathbb F_q)\cong G/B,\qquad \mathbb C[G/B]\cong\mathbf1\oplus\mathrm{St}.

Zum Nachschlagen

Begriffe der Charaktertheorie

Darstellungen und Charaktere

Eine komplexe Darstellung ist ein Gruppenhomomorphismus ρ:G→GL(V)\rho:G\to\mathrm{GL}(V) für einen komplexen Vektorraum VV. Ihr Charakter ist χρ(g)=tr⁡(ρ(g))\chi_\rho(g)=\operatorname{tr}(\rho(g)). Er ist auf Konjugationsklassen konstant, und χρ(e)=dim⁡V\chi_\rho(e)=\dim V. Direkte Summen addieren Charaktere, Tensorprodukte multiplizieren sie.

Maschke und das Charakterskalarprodukt

Nach dem Satz von Maschke zerfällt jede endlichdimensionale komplexe Darstellung einer endlichen Gruppe in eine direkte Summe irreduzibler Darstellungen. Für Klassenfunktionen verwendet man

⟨χ,ψ⟩=1∣G∣∑g∈Gχ(g)ψ(g)‾.\langle\chi,\psi\rangle=\frac1{|G|}\sum_{g\in G}\chi(g)\overline{\psi(g)}.

Ist ψ\psi irreduzibel, zählt dieses Skalarprodukt ihre Vielfachheit in der Darstellung mit Charakter χ\chi. Für einen nicht verschwindenden Darstellungscharakter gilt daher: Er ist genau dann irreduzibel, wenn sein Normquadrat eins ist.

Bahn, Stabilisator und Zentralisator

Die Bahn eines Punktes xx ist G⋅x={gx:g∈G}G\cdot x=\{gx:g\in G\}, sein Stabilisator Gx={g∈G:gx=x}G_x=\{g\in G:gx=x\}. Der Bahn-Stabilisator-Satz lautet ∣G⋅x∣=∣G∣/∣Gx∣|G\cdot x|=|G|/|G_x|. Bei der Konjugationswirkung sind die Bahnen die Konjugationsklassen und die Stabilisatoren die Zentralisatoren CG(x)={g∈G:gx=xg}C_G(x)=\{g\in G:gx=xg\}.