Die invertierbaren -Matrizen über einem endlichen Körper bilden eine Familie endlicher Gruppen mit erstaunlich reichhaltiger Darstellungstheorie. Schon ihre Wirkung auf Punkten liefert eine wichtige irreduzible Darstellung.
Im Folgenden ist eine Primzahlpotenz und . Unsere Darstellungen sind über . Die Matrixeinträge der Gruppe liegen dagegen in .
01 / Geometrischer Ausgangspunkt
Eine Gerade mit Punkten
Die projektive Gerade besteht aus den eindimensionalen Unterräumen von . Wir schreiben einen solchen Punkt in homogenen Koordinaten als . Dabei ist und
Definition · Projektive Gerade
Die Punkte identifizieren wir mit , den zusätzlichen Punkt mit . Eine invertierbare Matrix wirkt durch
In der affinen Koordinate ist das die gebrochen-lineare Transformation . Verschwindet der Nenner, ist das Bild der Punkt im Unendlichen.
Fixpunkte · χπ(g)2
Steinberg · χSt(g)1
Zwei verschiedene Eigenwerte in 𝔽₅ ergeben zwei Eigenlinien: 0 und ∞ sind fix.
Satz · Transitivität
Die Gruppe wirkt transitiv auf der projektiven Geraden. Sie wirkt sogar transitiv auf den geordneten Paaren verschiedener Punkte.
Warum die Wirkung zweifach transitiv ist
Zwei verschiedene projektive Punkte entsprechen zwei verschiedenen Geraden durch den Ursprung. Wählt man auf ihnen jeweils einen nicht verschwindenden Vektor, bilden diese eine Basis von . Eine invertierbare lineare Abbildung kann jede solche Basis auf jede andere schicken. Damit lassen sich beliebige geordnete Paare verschiedener projektiver Punkte ineinander überführen.
Einordnung: SL₂, PGL₂ und PSL₂
Die Untergruppe besteht aus den Matrizen mit Determinante eins. Skalare Matrizen wirken trivial auf der projektiven Geraden; der Kern der Wirkung ist genau das Zentrum . Daher wirkt
treu durch projektive lineare Transformationen. Gemeint ist hier nicht die volle Permutationsgruppe der endlichen Punktmenge. Entsprechend ist
Für ist diese Gruppe einfach. Die Bedingung betrifft die Körpergröße . Ein Beweis findet sich bei Keith Conrad.
02 / Struktur der Gruppe
Borelgruppe und zwei Tori
Der Stabilisator des Punktes ist die Gruppe der invertierbaren oberen Dreiecksmatrizen. Sie heißt Borelgruppe:
In ihr liegen die unipotente Untergruppe und die diagonale Untergruppe :
Es gilt und . Der gespaltene Torus erhält die beiden Koordinatenachsen.
Bahnsatz · Die Gruppenordnung
Zwei Wege, die Gruppenordnung zu zählen
In gibt es für beide Diagonaleinträge jeweils Möglichkeiten und für den oberen rechten Eintrag . Da der Stabilisator eines Punktes einer transitiven Wirkung auf Punkten ist, folgt die Formel aus dem Bahn-Stabilisator-Satz.
Alternativ zählt man die Spalten: Für die erste Spalte gibt es nicht verschwindende Vektoren; die zweite darf nicht in deren eindimensionalem Spann liegen. Damit bleiben Möglichkeiten. Also ist .
Der nicht gespaltene Torus
Die Körpererweiterung ist zweidimensional. Multiplikation mit einem Element ist eine invertierbare -lineare Abbildung. Nach Basiswahl erhalten wir so eine Untergruppe
Sie ist zyklisch. Für ungerades wird die Einbettung besonders anschaulich: Wähle ein Nichtquadrat . Dann ist , und bezüglich der Basis gilt
Hier ist . Die Determinante ist die Körpernorm:
Für gerades bleibt die Konstruktion durch Multiplikationsabbildungen gültig; statt eines Nichtquadrats verwendet man eine Basis zu einem irreduziblen quadratischen Polynom.
03 / Eigenwerte ordnen die Matrizen
Vier Typen von Konjugationsklassen
Zwei Matrizen sind in konjugiert, wenn sie dieselbe lineare Abbildung in unterschiedlichen Basen beschreiben. Ihre Eigenwerte und ihre Jordanstruktur führen zu genau vier Typen.
| Typ / Repräsentant | Größe einer Klasse | Anzahl der Klassen |
|---|---|---|
| Skalar | ||
| Jordanblock | ||
| Zwei Eigenwerte | ||
| Irreduzibles Polynom |
Dabei sind , im dritten Typ mit . Die Paare und beschreiben dieselbe Klasse. Beim vierten Typ ist ; hier werden und sein Frobeniuskonjugiertes identifiziert.
Klassengrößen aus den Zentralisatoren
Für die Konjugationswirkung ist der Stabilisator von sein Zentralisator . Daher gilt
Skalare Matrizen kommutieren mit ganz . Der Zentralisator eines nichttrivialen Jordanblocks besteht aus den invertierbaren Matrizen und hat Ordnung . Bei zwei verschiedenen Eigenwerten ist der Zentralisator der diagonale Torus mit Ordnung . Beim irreduziblen Typ ist er der nicht gespaltene Torus mit Ordnung . Division durch diese Ordnungen ergibt die Tabelle.
Die Anzahlen folgen aus der Wahl der Eigenwerte: ungeordnete Paare verschiedener Elemente von im gespaltenen Fall und Frobeniuspaare aus den Elementen außerhalb von im nicht gespaltenen Fall.
Die Gesamtzahl der Klassen
Damit hat genau irreduzible komplexe Darstellungen bis auf Isomorphie.
Auch die Zahl der Gruppenelemente stimmt: Multipliziert man in jeder Zeile Klassengröße und Klassenanzahl und addiert die vier Ergebnisse, erhält man .
04 / Aus Fixpunkten wird ein Charakter
Die Steinberg-Darstellung
Zur Wirkung auf der projektiven Geraden gehört die Permutationsdarstellung
Sie hat eine Basis mit Elementen. Ihre Matrizen sind Permutationsmatrizen, daher zählt ihre Spur die fixierten Basiselemente. Ein projektiver Punkt ist genau dann fixiert, wenn seine Gerade eine Eigenlinie der Matrix ist.
| Charakter | ||||
|---|---|---|---|---|
Der Vektor ist invariant. Sein eindimensionaler Spann trägt die triviale Darstellung. Als invariantes Komplement wählen wir den Unterraum mit Koeffizientensumme null:
Satz · Steinberg
Die Darstellung ist irreduzibel und hat Dimension . Ihr Charakter ist .
Irreduzibilität durch zweifache Transitivität
Das Charakterskalarprodukt der Permutationsdarstellung mit sich selbst zählt die Bahnen auf geordneten Punktpaaren. Es gibt genau zwei: die Diagonale und die Paare verschiedener Punkte. Also ist . Wegen Transitivität kommt der triviale Charakter genau einmal vor. Daraus folgt
Ein komplexer Charakter mit Normquadrat eins ist irreduzibel. Die Dimension ergibt sich aus .
05 / Neue Darstellungen durch Twisten
Determinantencharaktere und Twists
Jeder multiplikative Charakter liefert eine eindimensionale Darstellung:
Da zyklisch von Ordnung ist, gibt es genau solche Charaktere. Für einen fest gewählten Generator lauten sie
Warum diese Darstellungen irreduzibel und verschieden sind
Ein eindimensionaler Vektorraum hat keinen echten, nichttrivialen Unterraum; jede eindimensionale Darstellung ist daher irreduzibel. Verschiedene Charaktere bleiben nach Komposition mit der Determinante verschieden, weil surjektiv ist. Bei eindimensionalen Darstellungen bedeutet Isomorphie Gleichheit der Charaktere.
Die Steinberg-Darstellung verdrehen
Das Tensorprodukt mit heißt ein Twist. Wir setzen
Jeder Twist ist wieder irreduzibel und hat Dimension . Insgesamt erhalten wir verschiedene Steinberg-Twists, einschließlich .
| Darstellung | ||||
|---|---|---|---|---|
Irreduzibilität und Unterscheidbarkeit der Twists
Multipliziert man jede Darstellungsmatrix mit einem nicht verschwindenden Skalar, ändern sich ihre invarianten Unterräume nicht. Alternativ benutzt man im Charakterskalarprodukt:
Verschiedene Twists lassen sich für an mit unterscheiden: Dort ist der Charakterwert genau . Für gibt es nur einen solchen Twist.
Unser Zwischenstand lautet somit irreduzible Darstellungen. Die triviale Darstellung ist bereits unter den enthalten und wird nicht noch einmal gezählt.
06 / Von einer Untergruppe zur ganzen Gruppe
Induktion aus der Borelgruppe
Induktion macht aus einer Darstellung einer Untergruppe eine Darstellung von . Für ist ein konkretes Modell der Vektorraum
Die Gruppe wirkt durch . Die Funktionen sind durch je einen Wert auf jeder Linksnebenklasse bestimmt. Deshalb gilt
Ein Charakter der Borelgruppe
Zwei multiplikative Charaktere von definieren
Der obere rechte Eintrag spielt dabei keine Rolle; auf ist dieser Charakter trivial. Die zugehörige induzierte Darstellung
hat Dimension . Diese Darstellungen bilden die Hauptserie.
Charakterwerte als gewichtete Fixpunktsumme
In der induzierten Darstellung trägt jede Nebenklasse einen eigenen Vektorraum. Zur Spur tragen nur diejenigen Nebenklassen bei, die von auf sich selbst abgebildet werden:
Charakterformel der Induktion
Für entsprechen die Nebenklassen den Punkten der projektiven Geraden. Nun zählen die Eigenlinien mit Gewichten aus und .
| Klassentyp | Charakterwert |
|---|---|
Die vier Werte aus den Eigenlinien ablesen
Eine Skalarmatrix fixiert alle Geraden und liefert auf jeder das Gewicht . Ein Jordanblock besitzt genau eine Eigenlinie und liefert daher nur einen solchen Beitrag.
Bei zwei verschiedenen Eigenwerten gibt es zwei Eigenlinien. Auf der ersten wirkt die Matrix mit und auf dem Quotienten mit ; für die andere sind die Rollen vertauscht. So entsteht die Summe . Beim irreduziblen quadratischen Polynom existiert keine Eigenlinie über , also ist die Spur null.
Die allgemeine Formel über Konjugationsklassen
Sei eine Konjugationsklasse in , und zerfalle in die -Konjugationsklassen . Dann gilt
Dies folgt aus der äquivalenten Formel . Jedes Element von wird von genau Konjugatoren getroffen. Der Schnitt mit ist im Allgemeinen eine ganze Menge von Elementen und darf nicht mit einem einzelnen Repräsentanten verwechselt werden.
Ergänzung · Wann ist die Hauptserie irreduzibel?
Für ist irreduzibel. Das Vertauschen von und ändert ihre Isomorphieklasse nicht. Für gleiche Charaktere zerfällt sie:
Beweisskizze mit den zwei Bruhat-Zellen
Es gibt genau zwei Doppelnebenklassen , vertreten durch die Einheitsmatrix und die Vertauschungsmatrix. Frobenius-Reziprozität und die Mackey-Zerlegung ergeben daraus
Die Kronecker-Symbole zeigen: Für verschiedene Charaktere ist das Normquadrat eins, und genau das ungeordnete Paar bestimmt die Darstellung. Bei gleichen Charakteren ist . Induktion und Twisten liefern . Die strukturellen Werkzeuge werden ausführlicher in Paul Garretts Darstellung behandelt.
07 / Ergänzender Überblick
Vier Familien ergeben das vollständige Bild
Die Originalnotizen führen bis zu den Charakterwerten der Borel-induzierten Darstellungen. Zur Einordnung ergänzen wir den Überblick über alle irreduziblen komplexen Darstellungen:
| Familie | Dimension | Anzahl |
|---|---|---|
| Determinantencharaktere | 1 | |
| Steinberg-Twists | ||
| Hauptserie, | ||
| Kuspidale Darstellungen |
Die kuspidale Familie wird durch Charaktere mit parametrisiert, wobei und die beiden Frobeniuskonjugierten dieselbe Darstellung liefern. Ihre Konstruktion geht über diese Notizen hinaus; eine Herleitung gibt Omkaar Kulkarni, Kapitel 8.
4 · 1² + 4 · 5² + 6 · 6² + 10 · 4² = 480
24 irreduzible Darstellungen · Gruppenordnung 480
Die Anzahlen summieren sich zu , passend zur Zahl der Konjugationsklassen. Außerdem erfüllt die Liste die Dimensionsformel der regulären Darstellung:
Diese Zahlen sind eine Kontrolle der Klassifikation. Allein das Aufgehen der Summen konstruiert die kuspidalen Darstellungen noch nicht; dafür wird der zusätzliche Existenzsatz benötigt.
Der Zusammenhang
Eigenlinien bestimmen Fixpunkte. Fixpunkte bestimmen Charaktere.
Die Geometrie der projektiven Geraden liefert die Steinberg-Darstellung. Determinantencharaktere erzeugen ihre Twists, und die Induktion aus der Borelgruppe führt zur Hauptserie.
Zum Nachschlagen
Begriffe der Charaktertheorie
Darstellungen und Charaktere
Eine komplexe Darstellung ist ein Gruppenhomomorphismus für einen komplexen Vektorraum . Ihr Charakter ist . Er ist auf Konjugationsklassen konstant, und . Direkte Summen addieren Charaktere, Tensorprodukte multiplizieren sie.
Maschke und das Charakterskalarprodukt
Nach dem Satz von Maschke zerfällt jede endlichdimensionale komplexe Darstellung einer endlichen Gruppe in eine direkte Summe irreduzibler Darstellungen. Für Klassenfunktionen verwendet man
Ist irreduzibel, zählt dieses Skalarprodukt ihre Vielfachheit in der Darstellung mit Charakter . Für einen nicht verschwindenden Darstellungscharakter gilt daher: Er ist genau dann irreduzibel, wenn sein Normquadrat eins ist.
Bahn, Stabilisator und Zentralisator
Die Bahn eines Punktes ist , sein Stabilisator . Der Bahn-Stabilisator-Satz lautet . Bei der Konjugationswirkung sind die Bahnen die Konjugationsklassen und die Stabilisatoren die Zentralisatoren .