Identifiziert man in der komplexen Ebene Punkte, die sich um einen Gittervektor unterscheiden, erhält man einen komplexen Torus. Die Weierstraß-Funktion übersetzt diesen Quotienten in eine algebraische Gleichung. Dabei bleibt sogar die Addition erhalten.
Wir verfolgen diese Übersetzung Schritt für Schritt. Grundbegriffe der Funktionentheorie werden vorausgesetzt; eine kurze Erinnerung findet sich am Ende des Artikels.
01 / Geometrie
Vom Gitter zum Torus
Zwei über linear unabhängige komplexe Zahlen erzeugen ein Gitter:
Definition · Gitter
Eine einzelne Kachel dieses Gitters lässt sich durch das halboffene Fundamentalparallelogramm beschreiben:
Jede Restklasse modulo besitzt genau einen Repräsentanten in . Für die geometrische Vorstellung verwenden wir auch die abgeschlossene Kachel und identifizieren ihre gegenüberliegenden Seiten. Zunächst entsteht ein Zylinder, anschließend ein Torus.
In der komplexen Ebene
Nach Identifikation der Ränder
z = 0,32 ω₁ + 0,28 ω₂
Der Quotient ist eine kompakte Riemannsche Fläche vom Geschlecht eins. Seine Gruppenstruktur ist bereits vorhanden:
Eine andere Gitterbasis kann eine andere Kachel beschreiben, ohne den Quotienten zu verändern. Die komplexe Struktur hängt jedoch vom Gitter ab: Nicht alle komplexen Tori sind biholomorph.
02 / Funktionentheorie
Doppelte Periodizität
Eine meromorphe Funktion auf der Ebene heißt elliptisch bezüglich , wenn sie unter allen Gitterverschiebungen unverändert bleibt:
Damit ist sie zugleich eine meromorphe Funktion auf dem Torus. Den Körper dieser Funktionen bezeichnen wir mit .
Satz · Ohne Pole keine Variation
Jede holomorphe elliptische Funktion ist konstant.
Beweis mit dem Satz von Liouville
Auf dem abgeschlossenen Fundamentalparallelogramm ist eine holomorphe Funktion stetig und deshalb beschränkt. Die Periodizität überträgt diese Schranke auf die gesamte Ebene. Nach dem Satz von Liouville ist die Funktion konstant.
Was Nullstellen und Pole verbindet
Sei eine nicht identisch verschwindende elliptische Funktion. Wir wählen eine verschobene Kachel, deren Rand keine Nullstellen oder Pole enthält. Dann gelten, jeweils über einen Satz von Repräsentanten summiert:
Die Ordnung ist an einer Nullstelle positiv und an einem Pol negativ. Insbesondere hat eine elliptische Funktion gleich viele Nullstellen wie Pole, mit Vielfachheiten gezählt. In der letzten Identität bedeutet die Null auf dem Torus, dass die entsprechende Summe komplexer Repräsentanten in liegt.
Warum die drei Identitäten gelten
Beim Randintegral von heben sich gegenüberliegende Seiten durch die Periodizität auf. Der Residuensatz liefert die erste Aussage. Wendet man sie auf die elliptische Funktion an, folgt die zweite, denn
Für die dritte Aussage integrieren wir über den Rand der Kachel mit Eckpunkt . Nach Verschiebung gegenüberliegender Seiten bleibt
Die beiden Integrale, durch geteilt, sind ganze Zahlen: Wegen sind die Bildwege unter geschlossen, und die Integrale zählen ihre Windungen um die Null. Die Summe ist also ein Gittervektor.
03 / Algebraische Sprache
Divisoren: Nullstellen und Pole als Summe
Ein Divisor auf ist eine endliche formale Summe von Punkten mit ganzzahligen Koeffizienten. Sein Grad ist die Summe dieser Koeffizienten:
Alle Divisoren bilden die Gruppe ; die Divisoren vom Grad null bilden . Eine meromorphe Funktion liefert einen Hauptdivisor:
Die Summationsabbildung übersetzt eine formale Summe in die Addition auf dem Torus:
Satz · Die exakte Sequenz
In Worten: Ein Divisor vom Grad null entsteht genau dann aus einer elliptischen Funktion, wenn seine gewichtete Punktsumme auf dem Torus verschwindet. Die Funktion ist dabei bis auf einen konstanten Faktor eindeutig.
Exaktheit und das benötigte Existenzlemma
Eine nicht verschwindende Konstante hat Divisor null. Umgekehrt ist eine elliptische Funktion mit Divisor null ohne Pole und damit konstant. So ist der Kern von genau .
Die zuvor bewiesenen Identitäten zeigen, dass jeder Hauptdivisor Grad null und Punktsumme null besitzt. Für die Umkehrung benötigen wir ein zusätzliches Resultat:
Wie in den Vortragsnotizen verwenden wir dieses Lemma ohne Beweis. Es liefert die Exaktheit an der Divisorgruppe. Schließlich ist surjektiv, denn .
04 / Die entscheidende Funktion
Die Weierstraß--Funktion
Wir suchen eine elliptische Funktion mit möglichst einfachen Polen. Die folgende Reihe setzt an jeden Gitterpunkt einen doppelten Pol. Der Korrekturterm sorgt für Konvergenz:
Definition · Weierstraß-Funktion
Die Reihe konvergiert absolut und lokal gleichmäßig außerhalb des Gitters. Sie definiert eine gerade, elliptische Funktion mit doppelten Polen an den Gitterpunkten und Residuum null. Ihre Ableitung ist ungerade:
Konvergenz und Periodizität
Die Zahl der Gitterpunkte im Kreisring ist . Deshalb konvergiert für . Auf kompakten Mengen ist der summierte Ausdruck in der Definition von für große gleich ; das liefert lokale gleichmäßige und absolute Konvergenz.
Die Symmetrie des Gitters unter zeigt die Geradheit. Die absolut konvergente Reihe für ist durch Umindizieren periodisch. Also ist konstant. Einsetzen von und die Geradheit zeigen, dass diese Konstante null ist. Damit sind beide Basisvektoren Perioden.
Alle elliptischen Funktionen aus zwei Bausteinen
Satz · Der Funktionenkörper
Jede elliptische Funktion ist eine rationale Kombination von und .
Beweisidee über gerade und ungerade Funktionen
Wir zerlegen eine Funktion in ihren geraden und ungeraden Anteil:
Ist ungerade, ist gerade und meromorph. Es reicht also, gerade Funktionen als rationale Funktionen von darzustellen.
Für eine gerade Funktion treten Nullstellen und Pole bei und mit gleicher Ordnung auf. Ist , ist die Laurententwicklung um gerade; ihre Ordnung ist deshalb gerade. Zu diesen Punktepaaren passen die Faktoren
Ein geeignetes endliches Produkt ganzzahliger Potenzen dieser Faktoren hat denselben Divisor wie außerhalb der Null. Weil beide Divisoren Grad null haben, stimmen sie auch dort überein. Der Quotient ist holomorph elliptisch und damit konstant.
Eisenstein-Reihen und Laurententwicklung
Die Koeffizienten der Laurententwicklung sind Gittersummen. Für definieren wir die absolut konvergente Eisenstein-Reihe zum Gewicht durch
Für ergibt sich
Herleitung aus der geometrischen Reihe
Für gilt
Setzt man dies in die Gittersumme ein, verschwinden die ungeraden Potenzen von paarweise durch die Beiträge von und . Die geraden Terme ergeben die angegebene Entwicklung.
05 / Von der Analysis zur Algebra
Eine kubische Gleichung erscheint
Aus den ersten Laurentkoeffizienten entstehen zwei Gitterinvarianten:
Mit ihnen erfüllen und ihre Ableitung die entscheidende Differentialgleichung:
Die Brücke zur elliptischen Kurve
Setzen wir und , erhalten wir .
Beweis durch Vergleich der Laurentkoeffizienten
Die Entwicklung beginnt mit
Setzt man sie und ihre Ableitung in ein, verschwinden alle Hauptteile, und es bleibt . Die elliptische Funktion hat also keine Pole und ist konstant. Ihr Grenzwert bei null zeigt .
Warum die Kurve glatt ist
Die drei von null verschiedenen Halbperioden des Torus liefern drei Werte:
An diesen Punkten verschwindet wegen Ungeradheit und Periodizität. Die Werte sind verschiedene Nullstellen des kubischen Polynoms. Folglich gilt
Warum die drei Nullstellen verschieden sind
Die Funktion besitzt auf dem Torus genau einen doppelten Pol, also insgesamt zwei Nullstellen mit Vielfachheiten. An der zugehörigen Halbperiode hat sie wegen bereits eine mindestens doppelte Nullstelle. Dort ist damit ihre gesamte Nullstellenordnung ausgeschöpft. Eine andere Halbperiode kann nicht denselben -Wert haben.
Der Isomorphismus
Wir ergänzen die affine Kurve um den Punkt im Unendlichen . In projektiven Koordinaten lautet sie
Hauptsatz · Tori sind elliptische Kurven
Diese Abbildung ist biholomorph und ein Isomorphismus von Gruppen.
Bijektivität und Verhalten am Punkt im Unendlichen
Surjektivität. Für jedes hat einen doppelten Pol und somit zwei Nullstellen mit Vielfachheiten. Für ein solches gilt nach der Differentialgleichung . Falls nötig, ersetzt man durch : Der -Wert bleibt gleich, das Vorzeichen von wechselt.
Injektivität. Die Funktion besitzt genau die Nullstellen und modulo dem Gitter, an einer Halbperiode zusammenfallend. Außerhalb der Halbperioden unterscheidet diese beiden Punkte durch das Vorzeichen. Denn ihre einzigen Nullstellen sind die drei Halbperioden: Sie hat einen dreifachen Pol und damit insgesamt drei Nullstellen.
Fortsetzung bei null. Aus und folgt
Die multiplizierten Koordinaten sind holomorph bei null und verschwinden nicht gleichzeitig. So entsteht eine bijektive holomorphe Abbildung kompakter Riemannscher Flächen, also ein Biholomorphismus. Die Verträglichkeit mit der Addition sehen wir im nächsten Abschnitt.
06 / Zwei Beschreibungen derselben Addition
Das Gruppengesetz
Auf dem Torus addieren wir komplexe Zahlen modulo dem Gitter. Auf der elliptischen Kurve verwenden wir Sekanten und Tangenten. Die Abbildung verbindet diese beiden Operationen:
Schneidet eine Gerade die Kurve in , so gilt . Es ist also die Spiegelung des dritten Schnittpunktes, die ergibt.
Die Verbindung über einen Divisor
Sei eine nicht vertikale Gerade mit drei verschiedenen Schnittpunkten. Ihre Gleichung wird auf dem Torus zu
Diese Funktion hat einen dreifachen Pol bei null. Bezeichnen die Urbilder der Schnittpunkte, dann ist
Die gewichtete Punktsumme eines Hauptdivisors ist null. Daher gilt . Wegen der Geradheit von und der Ungeradheit von entspricht genau dem gespiegelten Punkt . Also ist .
Die Additionsformel
Für erhält man die klassische Formel:
Mit der Sekantensteigung lauten die Koordinaten von :
Tangenten, Gegenpunkte und das neutrale Element
Verdoppelung. Lässt man gegen laufen, wird die Sekante zur Tangente. Für gilt
Gegenpunkte. Für ist die Gerade vertikal und . Auf dem Torus entspricht dies . Insbesondere verdoppeln sich die drei Punkte mit zum neutralen Element.
Der Punkt im Unendlichen. Er entspricht der Nullklasse. Die Identität ist daher die Periodizität auf der Seite des Torus. Die übrigen Tangentialfälle folgen auch durch Grenzübergang aus der Sekantenkonstruktion.
Das Ergebnis
Geometrie, Analysis und Algebra passen zusammen.
Das Gitter beschreibt die Perioden, und liefern die Koordinaten, und die Addition auf dem Torus wird zum Gruppengesetz der elliptischen Kurve.
Zum Nachschlagen
Funktionentheoretische Grundlagen
Meromorphe Funktionen, Ordnung und Residuum
Eine meromorphe Funktion ist bis auf isolierte Pole holomorph. Lokal besitzt sie eine Laurententwicklung . Der kleinste Exponent mit nicht verschwindendem Koeffizienten ist die Ordnung; der Koeffizient heißt Residuum. Das Residuum ist also ein Koeffizient, nicht der gesamte Laurentterm.
Residuensatz und Satz von Liouville
Für eine meromorphe Funktion in einem einfach zusammenhängenden Gebiet und einen geschlossenen, stückweise glatten Weg , der keine Pole trifft, gilt
Hier bezeichnet die Windungszahl um . Der Satz von Liouville besagt, dass jede auf ganz holomorphe und beschränkte Funktion konstant ist.
Gerade Funktionen und exakte Sequenzen
Eine Funktion heißt gerade, wenn , und ungerade, wenn . Eine Sequenz heißt exakt an , wenn . Daraus folgt ; diese letzte Bedingung allein reicht nicht für Exaktheit.